Über allen Bergen

Alpinist Reinhold Messner hat mit fünf über die Dolomiten verteilte Museen architektonisch reizvolle Begegnungsstätten für Mensch und Berg geschaffen

Sie heißen Juval, Dolomites, Ortles, Firmian und Ripa. Fünf Namen, fünf Museen in den Bergen von Südtirol. Dass es sie gibt, ist einem Mann zu verdanken, der wie kaum ein Zweiter die Bergwelt erkundet und dem Menschen verständlich gemacht hat: Reinhold Messner. Unter der Dachmarke Messner Mountain Museum (MMM) sind diese Stätten Ausstellungsorte und architektonische Kunstwerke zugleich – Burgen, Höhlen und ehemalige Geschützgänge, die tief in den Berg getrieben wurden. So unterschiedlich sie sind: Gemeinsam widmen sie sich der Frage, was passiert, wenn Mensch und Berg sich begegnen.

Wer, wenn nicht der Alpinist Messner, könnte sich dieser Thematik annehmen? Kritiker meinen zwar, er habe sich mit seinem Museum eine Art Messner-Mausoleum geschaffen, andere stören sich daran, dass er, der Nachhaltigkeitsapostel, für seine Museen mit Betonmischer und Hilti in die Dolomiten gekraxelt ist und die Bergwelt in ein “alpines Disneyland” verwandelt hat. Aber weder sind in den Häusern nur persönliche Expeditionsgegenstände zu sehen, noch hat er die Berge durch die Bauten zerstört.

Ein Museum über sich selbst zu machen hätte Messner peinlich gefunden. “Die Museen haben mit mir nur am Rande zu tun”, sagt er. “Ich habe sie erfunden und mein Wissen da hineingesteckt. Aber ich erzähle dort über Moses und Buddha und die alpine Geschichte, die Geologie, die Höhen und Höhlen, in denen Menschen gelebt haben.”

Jedes der fünf Museen hat Messner unter ein Motto gestellt. Auf Burg Juval im Vinschgau geht es um die heiligen Berge; Dolomites auf dem Monte Rite widmet sich dem Thema “Fels”; Ortles in Sulden, am Fuße des Ortlers, blickt in die Welt des Eises; Firmian auf Schloss Sigmundskron bei Bozen thematisiert als MMM-Herzstück die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Berg; und im Museum Ripa auf Schloss Bruneck werden Bergvölker aus aller Welt vorgestellt, wobei Messner nicht nur ihre Kulturen beleuchtet, sondern auch den Bergtourismus, der ihre Lebenswelten verändert. Staatliche Förderung gibt es für das ehrgeizige Projekt allerdings nicht. Das war eine Bedingung, der sich Messner unterwerfen musste, um herausragende Standorte wie Schloss Sigmundskron vom Land Südtirol für 30 Jahre übereignet zu bekommen. Denn nur Juval und Ortles gehören ihm, die drei anderen Häuser sind nur geliehen.

Das zeigt sich auch in ihrer Architektur. So sind etwa die Ein- und Umbauten in Schloss Sigmundskron Ausdruck der zeitlich begrenzten Nutzung und setzen sich in der Wahl des Materials vom Mauerwerk der mittelalterlichen Burg ab. Statt Dolomitgestein kam unbehandelter, langsam korrodierender Stahl zum Einsatz. Die Art und Weise, wie Träger, Profile, Gitterroste und andere Elemente eingesetzt sind, erinnert an technische Nutzungen, wie es Andreas Gottlieb Hempel in seinem Buch “Die Messner Mountain Museen. Architektur und Berge” beschreibt. Auch halten alle neuen Teile Abstand zu den alten Mauern, fast so als seien sie nur kurz zu Gast im alten Schloss.

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Ganz anders in den beiden Häusern Juval und Ortles. Wobei die Burgruine Juval schon seit 1983 im Besitz von Reinhold Messner ist und in zwölfjähriger Arbeit behutsam saniert wurde. Hier verbringt er mit Familie die Sommermonate, hier ist auch das mit Lärchenholz getäfelte Arbeitszimmer, wo er seine Bücher schreibt, und der Expeditionskeller mit allerlei Ausrüstungsgegenständen. Auf Burg Juval hat sich Messner seinen Traum vom unabhängigen Leben als Selbstversorger verwirklicht.

Trotz umfangreicher Sanierung ist und bleibt Juval aber in Teilen eine Ruine, in der Reinhold Messner ein Zuhause für seine Sammlung gefunden hat, vor allem für die Tibetika. In den Nischen der Ruine findet man Buddhafiguren, in den alten Fensteröffnungen religiöse Kultgegenstände. Neben dem großen Festsaal im Palas mit den restaurierten Renaissancefresken trifft man im “Saal der tausend Freuden” auf die weltweit größte Sammlung zur tibetischen Sagengestalt, Gesar Ling. Und so schreibt Hempel über die Burg: “Im Ergebnis ist es ein Renaissancebau geblieben, dem von den Gedanken einer tibetischen Klosterfestung neues Leben eingehaucht wurde.”

Seinen Ausdruck findet dieser neue Geist auch in Form moderner Architektur, vor allem in der filigranen Konstruktion des Glasdachs, das der schwäbische Architekt und Ingenieur Robert Danz als Witterungsschutz für die alte Bausubstanz entworfen hat. Elegant schwebt die aus unzähligen Glasplatten zusammengesetzte 200 Quadratmeter große Fläche entlang der alten Dachlinie über dem Bau und gibt der Burganlage einen ganz eigenen architektonischen Charakter. Schöner kann man Moderne und Tradition kaum zusammenbringen.

Auch das MMM Ortles steht für die Fusion von Alt und Neu, allerdings auf eine andere Art: Statt in die Höhe geht es hier in die Tiefe, in einen unterirdischen Anbau. Inspiration dafür waren die erhaltenen Kellerräume der abgerissenen Scheune, die zum Hof “Yak & Yeti” gehörte. Architekt Arnold Gapp, schon mit dem Umbau des Hofs betraut, entwickelte für das Museum einen unterirdischen Kristall, in dessen Bauch man sich begibt, um sich mit dem Thema Eis und Gletscher zu befassen.

Der aus unbehandeltem Sichtbeton geformte Raum, der an den weiß verputzten ehemaligen Scheunenkeller anschließt, zieht Besucher in den Bann. Nicht nur, weil man, um in die Ausstellung zu gelangen, eine schiefe Ebene heruntergehen muss, sondern vor allem wegen des Lichts. Gapp hat hier entlang der aufgefalteten Rückwand des Betonkristalls einen Glasstreifen in die Decke eingelassen, der das Tageslicht effektvoll, wie im Inneren eines Gletschers, einfallen lässt. Von außen betrachtet wirkt das gläserne Fensterband in der Wiese, die das Dach des Museums bedeckt, wie ein bedrohlicher Gletscherspalt. Somit wird die Architektur hier selbst zum Teil der Ausstellung, zum atmosphärischen Erlebnis, ohne dabei die Exponate zu erdrücken.

Ein Erlebnis ist auch das MMM Dolomites auf dem Gipfel des Monte Rite. Auch wenn die frühere Festung Messner nicht gehört, so hat er hier doch im Gegensatz zu den beiden Schlössern architektonisch mehr einbringen und zugleich eine Liebeserklärung an die Dolomiten realisieren können. Das “Museum in den Wolken” beeindruckt dennoch weniger wegen seiner Exponate oder Baukörper. Es ist die imposante Architektur der umliegenden Landschaft, die den Betrachter fesselt und ihn jede menschliche Bauleistung vergessen lässt. Insofern passt es, dass die für den Umbau verantwortlichen Architekten, Enzo Siviero und Paolo Faccio, den Dolomitkristall als Vorlage gewählt haben und dort, wo einst Geschütztürme emporragten, gläserne Dachaufsätze aus unregelmäßigen Kristallformen errichtet haben. Sie sind eine Hommage auf die Dolomiten und zugleich eine Lichtquelle für das Museum. Wer dann noch in der Ausstellung einmal zwischen den Kunstwerken aus dem Fenster schaut, wird Reinhold Messner und seine Vision eines Bergmuseums verstehen

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