Pfarrer Florian Öttl

Nach zwei Jahren als Kooperator in Mals hat ihm der Generalvikar im Jahre 1999 auf die Schulter geklopft und gemeint: „Wie du gebaut bist, schaffst du es“. Damit war Florian Öttl vom Kofel-Hof in der Fraktion Mörrerberg der Gemeinde St. Leonhard in Passeier plötzlich Doppel-Pfarrer in Stilfs und Sulden geworden. Seit Herbst 2009 betreut er mit Trafoi noch eine dritte Pfarrei. Sein Einzugsgebiet sind die Kirchen von Stilfs, Gomagoi, Sulden, Trafoi, Außer­sulden, Platz und Drei-Brunnen. Seine Pflichten halten ihn nicht ab, Feuerwehrkaplan im Bezirk Obervinschgau und Präsident der öffentlichen Bibliothek zu sein, steile Wiesen zu mähen, „Goaß“ zu halten, ­Theater zu spielen und Bilder zu malen.

von Günther Schöpf

Mit Pfarrer Öttl ist kein Frage-Antwortspiel zu betreiben, dazu hat der wortgewaltige Diener des Herrn zu viel zu erzählen. Er erzählt ununterbrochen auch auf dem Weg zu seinen Ziegen. Im Vorbeigehen machte er auf die steilen Hänge aufmerksam, die er mit eigener Hand mäht. Sofort wird klar, der Pfarrer aus Passeier versteht etwas von der Bauerschaft und vor allem von der „Psairer Bergziege“. Er ist stolz, unter seinen „14 Damen und dem einen Herrn“ einige „blobgonzete und schworzstrohlete Tiere“ zu haben. Die seien nämlich unter Züchtern sehr begehrt. Und er weiß alles vom gesunden Fleisch und der Milch und er hat keine Probleme über die Versäumnisse der ­Stilfser zu reden, dass sie gerade mit der Ziegenhaltung und einer eigenen Sennerei einiges verschlafen haben.

Und so nebenbei macht er dem kurz zuvor zum Ehrenbürger gefeierten Bürgermeister Josef Hofer auch noch den Vorwurf, dass er keine fixen Einnahmen aus dem Erlös des E-Werks festgelegt hatte. Woher die Bindungen an die Landwirtschaft stammen, erzählte er bei einem Glasl „Guten“ auf der Gasthaus-Terrasse. Es war die Geschichte eines Bergbauernbubs, der mit acht Geschwistern vom heimatlichen Hof weg­ziehen musste, weil die Mama schwer krank war, der über Monate in einer offenen Garage gehaust hatte, der dann in Schweinsteg seine kranke Mutter pflegte, und sich als Viehhirte auf einer Ridnauner Alm verdingte. Für seinen Traum, eine Kunst­schule zu besuchen, fehlte das Geld. Im Winter ging er seinem Bruder zur Hand und pachtete selbst einige Felder.

Im September 1986 überlebte Florian Öttl einen schweren Arbeitsunfall. „Af guat Deitsch, der Schutzengel ist mitgeflogen“, meinte er. 1986 sei dann die Mama gestorben, 1989 überraschend der Tata. Das habe eine Glaubenskrise hervorgerufen. Von da an habe er den Gedanken, vielleicht Priester zu werden, nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Er habe dann einen Traum gehabt. Mit dem Messgewand an sei er in der Kirche vor seinen Eltern gestanden, als eine Gestalt aus der Sakristei trat, ihn an der Hand nahm und aufforderte: „Florian, jetzt geh!“. Er ist gegangen und über Mals nach Stilfs gekommen. An die Seite einer Persönlichkeit wie Pfarrer Josef Hurton, den er weder nach­ahmen, noch übertreffen konnte und wollte.

„Der Vinschger“: Haben Sie es dann doch gepackt unter den „Stilzern“?

Pfarrer Öttl: Das hab ich, aber das erste Jahr… Ich kam von einem freien Hof und fand mich in engen Gassen wieder. Den Leuten ist es gar nicht bewusst, dass man sich naturgemäß immer beobachtet und kontrolliert fühlt. Man kann ja jedem in den Teller schauen. Nicht umsonst hat jeder einen „Gugger“ in Stilfs. Es hat auch vergnügliche Episoden gegeben. Da war die Entführung meines Bockes, den der Nachbar bei sich aushelfen ließ. Gottseidank hat der Bock nicht mit dem Zölibat zu tun. Das war eine der Lieblingsgeschichten von ­Bischof Egger. Da war der Marocchino, für den der Pfarrer das Wassergeld zahlen sollte, weil der Pfarrer ja Geld hat. Dem hab ich in meinen Stallkleidern erklärt, dass ich den Pfarrer heute Morgen habe wegfahren ­sehen. Die Frauen haben mich vielleicht angeschaut.

Jetzt sind Sie mit drei Pfarreien aber ein Vielverdiener?

Pfarrer Öttl: Von wegen. Es ist eine Schande, wie viel wir bekommen. Auf meinem Lohnzettel stehen 1.054 Euro. Mit immer mehr Verantwortung und Arbeit. Dabei erspart sich die Diözese einiges. Es geht nicht nur ums Geld – wenn ich zu viel hätte, könnte ich‘s ja weiterspenden -, es geht um die Anerkennung.

(Sprach’s und zog seine Gehaltsaufstellung aus der Tasche. Auf den Einwand: Aber ein ­Pfarrer muss um Gotteslohn arbeiten, folgte eine sehr genaue und engagierte Erklärung, was der Pfarrer mit Mess-Stipendien, Zuschuss der Pfarreien, der Bischofskonferenz und über Kilometergeld dazu verdient und was er alles ausgibt oder Spesen zu tragen hat.

„Muss in Südtirol ein Pfarrer herumlaufen wie ein Kromer?“, fragte Pfarrer Öttl)

Hat sich eigentlich, seit Sie hier sind, in der Seelsorge und im Umgang mit den Menschen etwas geändert?

Pfarrer Öttl: Sehr viel. Es ist alles stark oberflächlich. Die Jüngeren lassen sich nichts mehr sagen und erkennen keine Fachkräfte mehr an. Das stört mich. Jeder fühlt sich überall kompetent. Das kann nicht sein. Das ist nicht gut. Wer alles verstehen will, fängt an zu kritisieren, der sieht nur mehr das Negative. Man sieht nur mehr das, was der andere nicht tut. Ich gebe gern zu, dass ich vieles nicht verstehe. Ich bin zum Beispiel technisch eine Null, ich kann den PC gerade ein- und ausschalten, um meine Fürbitten und Verkünd-Zettel zu schreiben.

Aber Internet haben Sie schon?

Pfarrer Öttl: Hab ich nicht. Genauso verstehe ich von Motoren nichts. Ich muss darauf hoffen, dass mich nicht jemand übers Haxl haut.

Was fällt dem Pfarrer Öttl zum Priestermangel ein?

Pfarrer Öttl: Vorläufig wenden wir die ­Pflastermethode an. Wir reparieren Löcher und hoffen, dass das Pflaster lange hält, aber die Grundlösung ist vielschichtiger. Es ist nicht allein die Frage des Zölibats. Ein Grund ist, dass wir einen riesigen gesellschaftlichen Wandel durchmachen.

Wie muss man das verstehen?

Pfarrer Öttl: Wir haben ja heute Minimalfamilien. Wenn ich denke, wir waren zu neunt. Für uns war es eine Selbstverständlichkeit, den Sonntagsgottesdienst zu besuchen­ oder den Rosenkranz zu beten. Wie oft haben wir in einer Ecke den Rosenkranz gebetet, weil wir Angst hatten, die Mama könnte sterben. Lieber Gott, nimm uns die Mama noch nicht. Es war eine Selbstverständlichkeit, aufeinander zu schauen und aufeinander Rücksicht zu nehmen. Wir müssen wieder lernen zu verzichten und wir müssen dankbar sein. Es war selbstverständlich, dass die Eltern den Glauben weiter gegeben haben. Als Priester musst du Rückgrat haben. Ich muss halt auf etwas verzichten können. Wenn ich die heutige Jugend so sehe… Jedes Kind ist heute Prinz oder Prinzessin. Alle sollen etwas leisten. Wenn sie sportlich sind, müssen sie erste Plätze erreichen, sonst ist nichts. Wenn sie Musikschule gehen, sollten sie möglichst bald Mozart spielen.

Und welche Rolle sollten die Frauen spielen?

Pfarrer Öttl: Es muss alles wachsen.

Wenn die Zeit da ist… Man weiß ja, in der Kirche ist alles gewachsen. Die Grundwerte des Glaubens kann man nicht von heute auf morgen… Alles andere ist geschichtlich gewachsen, das kann sich ändern. Ich hätte keine Schwierigkeiten, auch nicht mit den ‚Viri Probati‘. Aber man muss sich im Klaren sein, dass es nicht die eine Lösung gibt. Es hat einen weiteren Kreis, als wir meinen. Ich glaube, eine Gesellschaft krankt, wenn der Glaube krankt.

Aber auf der anderen Seite spielt die Religion in Wirren und Kriegen eine unselige Rolle.

Pfarrer Öttl: Das ist, wenn man Religion überspitzt. Leider ist der Mensch so etwas wie ein Pendel-Wesen. Es ist wie bei den Glocken. Die läutet nur, wenn sie da oder da anschlägt, in der Mitte läutet sie nicht. Auf die Dauer kommt der Mensch damit nicht zurecht. Es ist in der Geschichte der Menschheit einfach so. Der eine Pendelschlag löst den anderen aus, in der Mitte bleibt der Pendel selten längere Zeit stehen.

Wird der wortgewaltige Pfarrer Öttl in der Diözese als Rebell gesehen?

Pfarrer Öttl: Jo, Jo, als so einer bin ich schon bekannt, aber inzwischen auch bei den Politikern. Der Richard Theiner hat einmal gesagt, es ist immer besser, nach dem Pfarrer zu reden, weil der einen sofort aufgreift und beim Wort nimmt. Ich bin kein Philosoph. Ich bin ein realitätsbezogener Mensch und es ist ein Problem, wenn wir nicht Klartext reden. Wer Klartext redet, eckt an. Ich bin nicht von der ­Blümchen-Theologie: hipp hipp hurra, wir haben uns alle lieb! Das ist Quatsch. Das ist nicht möglich. Ich kann jeden Menschen respektieren, aber ich muss nicht jedem um den Hals fallen.

Kennen Sie den neuen Bischof?

Pfarrer Öttl: Ja. Ich durfte ihn ein Jahr als Regens erleben. Aber am meisten hat mich mein früherer Regens, Alois Gurndin, geprägt. Seinen Spruch „Wer nicht mehr genießen kann, wird ungenießbar“ verstehe ich erst jetzt so richtig. Und er hat auch gesagt: „Ich wünsch euch eins, ich wünsch euch in jeder Pfarrei, wo ihr tätig seid, ein Platzl, wo ihr mit den Schuhen auf dem ­Diwan liegen könnt’s. Das ist wichtig.“ Dass wir nicht genießen können, ist schon oft eine Krankheit von uns Pfarrern.

Ist das ein Motto von Pfarrer Öttl?

Pfarrer Öttl: Irgendwie. Wir müssen unter die Leute gehen, wir müssen genießen können. Eigen werden wie sowieso.

Eigenheiten machen uns zu Originalen und Originale braucht die Zeit. Lei nit eigen-sinnig werden, dann wird man ungenießbar. Natürlich muss man den Werdegang dahinter ver­stehen, bevor einer z‘widrig wird.

Abschließend: Wie sind Sie mit dem langjährigen Regenten in Stilfs zurecht gekommen?

Pfarrer Öttl: Sie meinen mit Bürgermeister Hofer? Mit ihm bin ich persönlich gut ausgekommen. Ich hab nicht alles gut geheißen, das hab ich auch gesagt. Er hat mich und meine Eigenheiten aber respektiert. Sonst hätte es eine klassische Don Camillo und Peppone-Situation abgegeben (s)

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