Die Bundeskanzlerin macht Urlaub in Sulden am Ortler

Wie ist die Bundeskanzlerin eigentlich so im Urlaub? Ein Gespräch mit einem alten Bekannten von Angela Merkel über die prominenteste Touristin eines Südtiroler Bergdorfes.

Die prominenteste Urlauberin im Bergdorf Sulden in Südtirol dürfte auch heuer wieder die deutsche Kanzlerin sein. Dieser Tage bricht Angela Merkel mit ihrem Mann von dort zu diversen Wanderungen in die Berglandschaft der Ortlergruppe auf. Die 400 Einwohner von Sulden im Vinschgau schätzen ihren Gast aus Deutschland. Mit Alt-Pfarrer Josef “Don” Hurton, 83, pflegt Merkel hier, auf 1900 Metern über dem Meer, schon seit Jahren eine freundschaftliche Beziehung.

SZ: Pfarrer Hurton, wie ist denn die Kanzlerin so im Urlaub?

Josef Hurton: Sehr nett. Sie ist eine tolle Gesprächspartnerin. Schon vor etwa zehn Jahren haben wir gemeinsam gegessen. Und sie war auch schon mit ihrem Gatten bei mir im Pfarrhaus zu Besuch. Mich interessiert besonders die Zeit ihrer Jugend in der DDR. Ich wiederum kann ihr viel über die Tschechoslowakei erzählen, denn daher stamme ich ja. Mein Neffe Béla Bugár, der hier auch gelegentlich vorbeischaut, ist Vizepräsident des slowakischen Parlaments. Nach ihm fragt Merkel mich immer. Die beiden haben sich über mich kennengelernt.

SZ: Wo wohnt die Kanzlerin denn, wenn sie in Sulden ist?

Hurton: Sie wohnt in einem eher schlichten Hotel. Die Stimmung im Dorf ist eher unaufgeregt, wenn sie da ist. Klar, wenn sie in der Gondel erkannt wird, dann ruft ihr schon einmal einer etwas zu. Aber insgesamt herrscht wirklich Ruhe.

SZ: Welche anderen prominenten Gäste halten sich sonst noch in Sulden auf?

Hurton: Ich erzähle Ihnen mal was: Einmal stand einer bei mir auf dem Friedhof und fragte, wann denn hier Gottesdienst sei. Ich antwortete recht unfreundlich: “Die Zeiten hängen an der Kirchentür!” Heute ist mir das richtig peinlich. Denn erst nachher habe ich kapiert, dass das der Josef Ratzinger mit seinem Bruder auf einem Ausflug war. Der spätere Papst! Den Theologen Karl Rahner hingegen habe ich gleich erkannt.

SZ: Da ist ja einiges los, bei Ihnen am Berg.

Hurton: Das können Sie aber meinen! Die Opernsängerin Magda Olivero etwa verbringt seit mindestens 50 Jahren ihren Urlaub hier. Als die in der Suldener Kirche zuletzt sang, da reisten sogar Fans aus Kanada an. Vor ein paar Tagen hat sie bei uns ihren 100. Geburtstag gefeiert. Und wenn ich früher mal nach Mailand musste, durfte ich immer bei ihr übernachten. Einmal soll auch Michael Jackson hier gewesen sein. Davon habe ich aber nichts mitbekommen.

SZ: Wollten Sie schon immer Pfarrer werden?

Hurton: Nein, ich wollte in Bratislava Medizin studieren. Aber bei der Aufnahmeprüfung wurde ich von den Kommunisten im Rahmen einer sogenannten politischen Prüfung gefragt, ob ich an Gott glaube. Weil ich mit “ja” geantwortet habe, haben die mich sofort von allen Universitäten ausschließen lassen. Sie schickten mich in ein Arbeitslager. Von dort bin ich ein Jahr später geflohen. Erst ging ich nach Wien, dann zum Theologiestudium nach Rom. Als ich mit dem Studium fertig war, konnte ich natürlich nicht mehr zurück in meine Heimat. Also musste ich mich woanders umschauen.

SZ: Und wie kamen Sie nach Südtirol?

Hurton: Die Gemeinde Sulden suchte dringend einen neuen Pfarrer – mein Vorgänger war auf dem Weg von der Schule ins Pfarrhaus von einer Lawine verschüttet worden. Es brauchte drei Monate, um seine Leiche zu finden. Und weil Sulden schon damals bei Touristen beliebt war, suchte man jemanden mit internationalem Hintergrund. Die Wahl fiel auf mich. Das war im Jahr 1960. Und noch heute arbeite ich während der Saison hier als Tourismus-Seelsorger.

SZ: Ein Tourismus-Seelsorger, was soll das sein?

Hurton: Das wusste ich am Anfang auch nicht. Der Bischof sagte mir aber schon vor 50 Jahren: Als Tourismus-Seelsorger können Sie einfach tun, was Sie wollen. Das klang ganz gut. Also dachte ich mir: Von den Touristen kommt nur ein Bruchteil in die Kirche. Deshalb muss ich wohl in die Hotels gehen, um Gäste zu treffen. Dort habe ich Diavorträge über Sulden angeboten. Auf Deutsch und auf Italienisch.

SZ: Diavorträge. Wie kam Ihre Art der Seelsorge bei den Touristen an?

Hurton: Na, was soll ich sagen? Die Gäste waren von mir furchtbar gelangweilt, sie hatten schon weitaus Besseres gehört und gesehen. Also bin ich später mit der Filmkamera losgezogen, erst mit Super 8, dann mit 16 Millimeter. Aber da haben mich die Gäste wieder fertiggemacht. Meine Filme seien nicht spritzig genug, die Szenen viel zu lang, der Text zu spröde. Da habe ich beim Rai-Fernsehen in Bozen angerufen und nachgefragt, wer denn so der beste Kameramann in Südtirol sei. Bei dem wurde ich dann Praktikant.

SZ: Eigentlich sind Sie also ein verhinderter Filmemacher.

Hurton: Pfarrer, Filmemacher, Gesprächspartner der deutschen Kanzlerin – für mich passt das alles gut zusammen. Ich hatte früher auch fünf Lawinenhunde und war 32 Jahre lang Leiter der Bergrettung hier, sowie Leiter der ersten Lawinenhundeschule Italiens.

SZ: Da haben Sie mal gerettet, mal gebetet, mal geborgen.

Hurton: So ist es. Aber der Dokumentarfilm war immer meine große Leidenschaft. Ich gründete meine eigene Filmgesellschaft und drehte auch in China, Israel und Marokko. Bei acht Filmen hat mir Reinhold Messner geholfen, den ich schon sehr lange kenne. Er hat bei uns in Sulden ein paar Yaks stehen.

SZ: Don Hurton, haben Sie auch schon mit der Bundeskanzlerin Filme gedreht?

Hurton: Nein. Aber eigentlich: Warum nicht? Ich war ja auch schon auf internationalen Festivals erfolgreich. Mein Bergfilm “Kampf um ein Leben” wurde in Cannes Anfang der 70er Jahre als bester Dokumentarfilm für die Jugend ausgezeichnet.

SZ: Toll. Und heute? Im Zeitalter des Video-Handys? Verstauben Ihre Filme im Pfarrhauskeller?

Hurton: Oh nein! In der Saison werfe ich den Projektor zweimal wöchentlich an. Gerade mussten wir sogar 15 Personen wieder fortschicken, weil der Pfarrsaal sonst überfüllt gewesen wäre. An diesem Mittwoch gibt es wieder eine Vorführung mit meinen alten Filmen. Vielleicht schaut ja auch die Kanzlerin vorbei.

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