das Suldner Fernheizwerk

das Suldner Fernheizwerk

Innovation, Umweltschutz und saubere Energie

Bei knapp 6 Monaten Winter und auf 1900m gelegen ist Energie und Heizbedarf Thema mit besonderem Stellenwert.

Mit der Erstbesteigung des Ortlers (3905m) im Jahre 1804 wird Sulden für Erholungssuchende, Wanderer, Bergsteiger und Wintersportler ein beliebtes Urlaubsziel. Die Höhenlage bietet dem Sommergast angenehme Temperaturen und dem Wintersportler exzellente Skibedingungen bis ins Frühjahr.

Die für die Tourismuswirtschaft vorteilhaften klimatischen Bedingungen des Suldner Hochtales konfrontieren die Bevölkerung anderseits mit Problemen, wie sie entlang des Alpenhauptkammes in dieser Gewichtung selten zu tragen kommen. Die frischen Sommernächte und die lange kalte Jahreszeit erfordern eine ganzjährige Wärmeversorgung, die durch die italienische Besteuerung des Heizöls, welche im Europaweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch ist, enorme Kostenaufwände verursacht. Im Jahre 1999 beläuft sich der Heizölverbrauch des Ortes auf über 1,5 Mio. Liter bei knapp 250 Einwohnern. Dies entspricht in etwa dem Kraftstoffverbrauch von 60 Autos bei 24stündigem und ganzjährigem Betrieb.

Neben dem Ölpreis, welcher täglich seine eigenen Rekordmarken überschreitet, war dies mitunter Hauptgrund alternative Lösungen für die Energieversorgung des Suldentales zu finden, das zuvor schon einmal von der Zeitung Skimagazin zum umweltfreundlichsten Skigebiet der Alpen gewählt wurde.

Um das Dorf, mitten im Nationalpark gelegen, nicht der Willkür des Ölpreises zu überlassen und dem Zeitgeist hinsichtlich dem Umweltschutz zu entsprechen, entsteht die Idee ein gemeinsames Fernwärmekraftwerk zu bauen.

Die Zielsetzung beim Bau einer gemeinsamen Heizanlage sind für die Zukunft einen günstigen Energiepreis zu schaffen, die Schadstoffemissionen zu minimieren, den Bezug der Energie durch die Gemeinschaft zu vereinfachen und durch den Wegfall der privaten Anlagen Instandhaltungskosten zu senken sowie den sich stetig verändernden Brandschutzbestimmungen zu entrinnen. Billige Wärme aus der Steckdose für alle!

Im Auftrag des Elektro- Konsortiums Sulden und mit der Unterstützung des EU Projektes Leader II wird im Nov 98 das Planungsbüro EUT (Energie und Umwelttechnik) Brixen, spezialisiert im Kraftwerkbau, mit der Studie für den Bau eines Fernwärme Heizwerks mit Biomasse betraut. „Wenn nicht in Sulden, dann nirgends in ganz Südtirol“ so Projektleiter Ing. Carminati beim ersten Lokalaugenschein.

Die Idee zum Heizwerk Sulden wird von Berechnungen bestätigt und über eine Verwirklichung wird erstmals konkret nachgedacht.

Damit das Interesse der Ortschaft gewahrt bleibt, wird für dieses Großprojekt die Genossenschaftsform gewählt. Diese Unternehmungsform, die laut Gesellschaftsrecht jeden wirtschaftlichen Erfolg als Vorteil seinen gleichberechtigten Genossenschafter zurückzuführen hat, unterbindet individuelle Geschäftsinteressen und bildet die Basis für den Zuspruch seiner gleichberechtigten Mitglieder.

Am 01.06.99 wird mit 10 Gründungsmitgliedern die Energiegenossenschaft Sulden gegründet, welche die Voraussetzung für die Bestellung der Verwaltungsgremien sind. Mit einem Energie-Abnahmevertrag verpflichtet sich die Bevölkerung von der Genossenschaft Wärmeenergie abzunehmen sofern diese im Stande ist unter dem jeweils aktuellen Ölpreis Wärme anzuliefern.

Unter der Voraussetzung dass keines der Genossenschafts-mitglieder sich privat für den Bau des Werkes zu verbürgen hat wird das Finanzierungsangebot der Südtiroler Sparkassen AG angenommen. Ohne Eigenkapital und ausschließlich mit der hypothekarischen Belastung des Werkgebäudes sowie der Aufweisung der Abnahmeverträge wird dem Planungsbüro EUT der Bauauftrag übergeben.

Die 73 Abnehmer, denen alles bis hin zur Energieüberga-bestation im Haushalt kostenlos und ohne Beitrittszahlung zur Verfügung gestellt wird, werden in die Genossenschaft als Gesellschafter aufgenommen. 1,9 Mio Euro Beitrag vom Amt für Energieeinsparung der Provinz Bozen, 0,3 Mio Euro Beitrag aus dem Mutualitätsfond der ZENFOR AG sowie der sich aus der Differenz zum Ölpreis erwirtschaftete Ertrag aus der gelieferten Energie reichen aus um das Bauprojekt von 6 Mio. Euro zu finanzieren.

Nach der Einholung der notwendigen Gutachten und Genehmigungen fällt Ende August 2001 der erste Spaten-stich. Unter der Federführung der Firma EUT wird nach den verschiedenen Ausschreibungen mit dem Bau des Ge-bäudes das Bauunternehmen Paulmichl Matthias aus Mals, für die Verlegung der Rohrleitungen die Firma Atzwanger aus Bozen, für den Bau der Übergabestationen der Haus-halte die Firma PEWO (A), für die Thermohydraulischen Anlagen im Werk die Firma Schmiedhammer aus Bruneck, für die Feuerungs und Rauchgasanlagen sowie für die Computersteuerung die Firma VAS (A) und für die elektri-sche Verkabelung die Firma Moriggl aus Glurns betraut.

Das 17,1 km Rohrleitungsnetz kann mit der Zustimmung der Straßenbaubehörde der Provinz Bozen zu 90% unter der Staatsstraße verlegt werden. Mit dem Wärmenetz, das bis zu 100 m Höhenunterschied überwindet, wird in den Kellergeschossen der Abnehmer eingefahren und mit den Übergabestationen (Wärmetauscher) im Haushalt verbunden. Die insgesamt 109 verschiedenen Wärmetauscher verfügen je nach Anforderung über eine Abnahmeleistung von 30-400 kw/h. Je nach Betriebsgröße und Aufbau des Heizkreises werden mancherorts 2 und mehrere Stationen eingerichtet. Die Anschlussleistung aller Abnehmer liegt bei 8700 kw/h. 90% aller Häuser in Sulden werden angeschlossen. Die isolierten Stahlrohre werden mit einem Leckwarnsystem ständig überwacht.

Die Stationen sind Computergesteuert und mit einem Daten-kabel direkt mit der Zentrale gekoppelt. Die Änderungen im Heizraum werden von den Abnehmern vorgenommen. Bei idealer Abnahme der ca. 90°C Vorlaufstemperatur wird der Rücklauf mit ca. 50°C an das Heizwerk wieder abgegeben.
Mit der Standortwahl am Eingang des Tales wird der ge-samte Zulieferverkehr für das Werk aus dem Ortskern ferngehalten. Der architektonische Zweckbau fügt sich in das Landschaftsbild ein und besteht generell aus dem Heizhaus und dem überdachten Lager, das dem maximalsten Monats-verbrauch von 3000 m³ Heizmaterial Platz bietet

Das System ist auf zwei Heizkreise aufgebaut. Der Heiz-kreis im Heizhaus gibt die produzierte Wärme über Wärmetauscher an das Netz des Ortes ab. Die Heiztechnik ist primär auf die Verbrennung von Abfallmaterialien aus der Sägeindustrie ausgelegt, kann jedoch bei Ausfall der Holzöfen den Dienst an einen 4000 kw starken Ölofen überge-ben. Die Verbrennung des Hackgutes erfolgt in Zwei Öfen, die je nach Verbrauch einzeln oder gemeinsam in Betrieb gehen. Die dadurch freigesetzte Energie von <900°C wird im Wasserboiler an den internen Heizkreis abgegeben. Die Verbrennungsöfen sind für eine Leistung von 1200 kw/h und 2800 kw/h ausgelegt und im gemeinsamen Betrieb bei  maximaler Abnahme zu 80% ausgelastet. Die Nennleistung der Kessel könnte bei Bedarf um 30% angehoben werden.

Mit der Abluft der Wasserboiler wird im LUWO (Luftvorwärmer) die Zuluft der Öfen vorgewärmt. Somit wird ein Auskühlen der Brennkammern verhindert und das Hackgut kann im Einschub vorgetrocknet werden.

Die aus den Kesseln austretenden Rauchgase werden zunächst durch einen elektrischen Staubabscheider (Multizyklonen) geführt in welchem unter Ausnutzung der Fliehkraft 94 % der mitgeführten Staub- und Aschepartikel ausgeschieden werden.  Nach den Multizyklonen gelangen die Rauchgase in die Kondensationsanlage. Durch die Abkühlung der 120° C heißen Gase unter den Taupunkt wird die Verdampfungs-wärme zurückgewonnen. Dadurch wird je nach Brennstofffeuchte bis zu 20% Kesselleistung dem Heizkreis zugeführt. Die dabei entstehende Kondensation bindet in den Wasser-tröpfchen die Ruspartikel die nicht in den Multizyklonen abgeschieden wurden. Nach diesem Durchlauf verbleibt reine Abluft und ein jährlicher Rückstand von 20l Sondermüll. Die um 80°C entzogene Energie bei der Abkühlung wird in Form einer Wärmerückgewinnung an den Rücklauf des Ortsnetzes abgegeben sodass die Kondensationsanlage selbst über einen Heizleistung von 800 kw/h verfügt.

Der Rücklauf des Ortsnetzes fließt zudem durch ein 250 kw termische und 220 kw elektrische Energie generierendes BHKW (Blockheizkraftwerk). Dieser kleine Generator ist jedoch ausschließlich zur Notstromversorgung des Werkes vorgesehen und wird mit Dieselkraftstoff betrieben. Durch diese Stufenweise angeordnete Wärmerückgewinnung wird jede frei gesetzte Energie des Werkes verwertet. So kann bei optimalem Betrieb das Heizwerk seine produzierte Energie zu 98 % ausschöpfen. Im Vergleich verwertet ein Auto nur 1/3 seiner produzierten Energie und der Rest verpufft durch den Auspuff.

Der Elektrofilter entzieht der Abluft aus den Öfen 94% des Feinstaubes und Rußpartikel. Die verbleibende Rest von 6% wird in der Kondensationsanlage gesondert und zu 90% gefiltert sodass durch den Kamin des Werkes lediglich Co2 entweicht und man von 99,9 % reiner Luft sprechen kann.

Der im Aschecontainer gesammelte Feinstaub aus der Brennkammer und vom Elektrofilter wird in der Mülldeponie entsorgt. So beschränkt sich der Rückstand pro verbranntem m³ Hackgut samt Luftreinigung auf ca. 0,06 mg Feinstaub. Beim Ausblasen in den Kamin wird der Abluft von der Kondensationsanlage Warmluft beigemischt, sodass bis zu einer Außentemperatur von -10°C keine Schwaden (Wasserdampfahnen) entstehen.

Der Werksinterne Heizkreis und das Wärmenetz im Ort sind vom Einschub des Hackgutes bis hin zur Übergabe der Energie im Haushalt vollautomatisch gesteuert und werden in Echtzeit im Büroraum des Heizhauses überwacht. Die Aufgabe der 2 beschäftigten Heizwärter beläuft sich ausschließlich auf die Kontrolle und Instandhaltung der An-age die im Störungsfall Alarm über Funk auslöst.

Die von den Wärmetauschern in den Haushalten über-mittelten Daten dienen als Grundlage für die Berechnung der Energieabnahme. So wird aus der Temperaturdifferenz von Vor – und Rücklauf an der Übergabestation der kw Verbrauch ermittelt und dem Abnehmer zu dem von der Genossenschaft vereinbarten Abnahmepreis in Rechnung gestellt. Die niedrige Abnehmerzahl, die jedoch eine hohen Verbrauch aufzuweisen haben, sind für ein solches Heizwerk ideal und so konnte bereits im zweiten Betriebsjahr der Heizpreis 25% unter dem aktuellen Heizölpreis erzielt werden. Der optimale Betrieb des Werkes wird bei voller Leistung der Kondensationsanlage erreicht. Für dessen Ausschöpfung ist eine niedrige Rücklauftemperatur des Ortsnetzes erforderlich, die wiederum von jedem einzelnen Abnehmer abhängig ist. Abnehmer, die Ihre Rücklauf-temperatur zum Richtwert von 50°C hin regulieren, werden von der Genossenschaft begünstigend prämiert.

Die Heizöfen sind nur für die Verbrennung von nicht behandeltem Holz ausgerichtet. Beim verwerteten Material handelt es sich ausschließlich um Abfallprodukte aus der Säge- und Holzverarbeitungsindustrie wobei der Preis dem freien Markt obliegt und prinzipiell von überall beziehbar ist.

Begünstigend auf den Ankaufspreis wirkt eine kontinuierliche und konstante Abnahmemenge, die in Sulden jedoch jeden Monat stark variiert. So wird während der Sommermonate mehr als benötigt angekauft und eingelagert um auch während der kalten Wintermonate einen adäquaten Preis zu erwirken. Der m³ Hackschnitzel, im Fachjargon mit der Bezeichnung SMR (Schüttraummeter) geführt verfügt über einen Brennwert von über 680 – 750 kw. Ein Liter Heizöl im Vergleich weist einen Brennwert von 12 kw auf. Der Brennwert selbst ist vom Feuchtigkeitsgehalt sowie dem Holztyp bedingt. Für die Konzeption des Heizwerkes Sulden ist jedoch zu trockenes Hackgut unvorteilhaft da die volle Leistung der Kondensationsanlage erst ab einen bestimmten Feuchtigkeitsgehalt erreicht wird. Ökonomischstes Hackgut für das Heizwerk Sulden ist derzeit mit Sicherheit gerindetes Lärchenholz mit einem Feuchtigkeitsgehalt von ca. 40 %.

So kann in Sulden trotz Witterung und ohne Einbußen an Materialqualität ein Lager im Freien gehalten werden, in dem bis zu 7000 SMR Hackgut eingelagert werden können. Zum rangieren wird ein Radlader eingesetzt. Der Einschub in die Heizkessel erfolgt automatisch über Schubböden im Lager.

1 Kommentar zu „das Suldner Fernheizwerk“

  • Suldenfan A.:

    … diesen Artikel finde ich höchst interessant ! Sie werden sich fragen, aus welchem Grund ? ,,, das kann ich Ihnen sagen:
    … den Mut und die Kraft der Gründer und Befürworter, die dieses Projekt gestartet und durchgesetzt haben;
    … die Bewohner Suldens zu überzeugen, sich dieser Idee anzuschließen;
    … dieses Projekt in so kurzer Zeit mit allen möglichen Widerständen der Beschaffenheit und Lage des Ortes Sulden: zwischen 1850 und 1950 Höhenmeter, zu realisieren;
    … das Ausschöpfen aller innovativen technischen, umweltfreundlichen sowie auch ökologischen Maßnahmen ist den Projektverantwortlichen hervorragend gelungen;

    Ich könnte noch viele positive Merkmale aufführen, die dieses Projekt so vorbildlich erscheinen lassen !

    Eine ganz tolle Leistung der Suldener; und da sollten sich viele Gemeinden auch Kleingemeinden, wo auch immer, ein Beispiel daran nehmen.

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